W.R. – Die Mysterien des Organismus

W.R. – Misterije organizma/W.R. – Die Mysterien des Organismus/W.R. – The Mysteries of Organism Dušan Makavejev / Jugoslawien/BRD 1971

Ein mysteriöser Film um die Lehren des Psychoanalytikers und Sexologen Wilhelm Reich, dessen Initialen den Titel des Films bilden, aber auch um die sexuelle Leidenschaft zwischen einer jungen Jugoslawin und einem sowjetischen Eiskunstläufer. Sex und Politik waren die Themen des Serben Makavejev, er konnte sie jedoch kaum öffentlich verhandeln, floh ins Surrealistische, wo er ganz gut zurechtkam.

Dušan Makavejev ist einer der eigenwilligsten Regisseure des europäischen Autorenkinos der sechziger Jahre. Manche Kritiker behaupten sogar, dass er die Subversion erst erfunden habe: Für den Serben bedeutete Subversion zugleich die einzige Möglichkeit, überhaupt Filme zu machen. Seine Lieblingssujets Sex und Politik taugten hinter dem Eisernen Vorhang weder einzeln noch in Kombination als öffentliche Themen. Über seinen Stil sagte er einmal, dass „ein Guerilla jede Waffe nutzen darf, die ihm zur Verfügung steht: Pflastersteine, Kugeln, Slogans, Musik. Genauso ist es mit Film. Wir können benutzen, was uns in die Hände fällt: Fiktion, Dokumentationen, Kulturfilme, Werbung. Es kommt nicht auf den Stil an. Man muss sich den Überraschungsmoment zunutze machen.” Auf keinen seiner Filme trifft diese Einschätzung besser zu als auf W.R. – DIE MYSTERIEN DES ORGANISMUS. Die Zeit hat diesem Film keinen Schaden zugefügt. Solche Filme gibt es nicht mehr! Ein Filmdokument aus einer Zeit, als das Wort ‘Konterrevolution‘ noch einen bedrohlichen Nachklang besaß. Andreas Busche

„Eine schwarze Komödie, ein politischer Zirkus, eine Phantasie, den Faschismus und Kommunismus des menschlichen Körpers und das politische Leben der menschlichen Genitalien betreffend, eine Denunzierung des pornographischen Wesens jedes Systems der Autorität und Gewalt über andere.“

Dušan Makavejev wurde am 13. Oktober 1932 in Belgrad geboren. Er studierte Psychologie und Filmregie. Nach zahlreichen Kurzfilmen inszenierte er 1965 seinen ersten Spielfilm Covek nije tica (Der Mensch ist kein Vogel). Mehrere seiner Filme fielen wegen ihrer politischen und sexuellen Themen immer wieder der Zensur zum Opfer. Makavejev verließ 1973 Jugoslawien und lebt in den USA

This is mysterious film about the teachings of psychoanalyst and sexologist Wilhelm Reich, whose initials form the title of the film. But it is also about the sexual passion between a young Yugoslav woman and a Soviet figure skater. Sex and politics are Serb director Makavejev’s main themes, but he could hardly address them openly, so he fled into the surreal, where he did quite well.

Dušan Makavejev is one of the most idiosyncratic directors of 1960s European auteur cinema. Some critics even claim it was he who first invented subversion: for Serbians, subversion was the only way they could make films. His favorite subjects of sex and politics did not appear as public themes behind the Iron Curtain, whether addressed individually or together. He once said of his style that “a guerrilla may use every weapon at his disposal: rocks, bullets, slogans, music. It’s the same with film. We can use whatever falls into our hands: fiction, documentary, cultural films, advertisements. The style doesn’ t matter. You have to take advantage of the element of surprise.” This assessment is especially accurate in relation to W.R. – MYSTERIES OF THE ORGANISM. Time has not detracted from this film. There aren’t any films like this anymore! It is a filmic document of a time when the word “counterrevolutionary” still had a threatening reverberation. Andreas Busche

„A black comedy, a political circus, a fantasy on the fa- scism and communism of human bodies, the political life of human genitals, a proclamation of the pornographic essence of any system of authority and power over others. “

Dušan Makavejev was born on October 13, 1932 in Belgrade. He studied psychology and film directing. After numerous short films, he made his first feature- length film in 1965, Covek nije tica (Man Is Not a Bird). Several of his films were repeatedly banned due to their political and sexual themes. Makavejev left Yugoslavia in 1973 and lives in the United States.

Die sexuelle Revolution / Über Wilhelm Reich
Als die europäische Verlagsanstalt 1966 eine verschollene Schrift des zu der Zeit fast schon vergessenen Privatge- lehrten Wilhelm Reich (1897-1957) exhumierte, legte sie ein schlafwandlerisches Gespür für die Bedürfnisse eines hochbewegten Augenblicks an den Tag.

Es war Jahre, bevor Studenten mit Bauchläden den Gästen der Szenekneipen Reich-Raubdrucke en masse verhö- kerten. Draußen braute sich erst zusammen, was dann später die „68er Revolution“ heißen sollte. Philosozialistische Ideen, jugendliches Aufbegehren gegen alle Älteren und deren „Establishment“, ein neuer Beat in der Musik, ein neuer Gammellook in der Mode, ein neues, chemisch stimuliertes Dröhnen im Kopf schaukelten sich zu einer Bewegung auf, die sich vornahm, alle Lebensverhältnisse von Grund auf umzustülpen, und die tatsächlich so etwas wie ein neues Lebensgefühl hervorbrachte, das sie überlebt hat.

1966 war sie sich ihrer selbst noch unsicher. Sie hatte, da es sich im wesentlichen um eine Studentenbewegung handelte, „Theoriebedarf“. Jede Theorie kam ihr zupaß, die die Lust auf Widerspruch und Widerstand legitimierte — um so mehr aber eine, die den Sex in die anstehende Revolution einbezog, ihn geradezu zu ihrem Angelpunkt erklärte; die den angehenden Revolutionären Sex nicht nur erlaubte, sondern als selber schon quasirevolutionäre Tat erscheinen ließ. Dies war die Botschaft, die sich Wilhelm Reichs Buch Die sexuelle Revolution entnehmen ließ, und sie war kein Mißverständnis: Fickt euch frei! Oder in einem ihrer eigenen Slogans, der sinngemäß noch heute an den beschmierten Wänden der Westberliner Politologie zu lesen ist: „Gegen Bullen hart, im Bett zart.“ Oder lustiger: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ (Wenn es, trotz 1968, noch Leser geben sollte, die sich an dieser Sprache stoßen, muß ich um Duldung bitten. Jede vornehme Umschreibung ver- fälschte den direkten, aggressiven Geist jener Stunde.) Sex Front hieß 1970 Günter Amendts verbreitete gelbe Fibel für die lerneifrigen Azubis des sowohl sozialistischen wie sexuellen Umsturzes; ohne seinen Namen ein ein- ziges Mal zu nennen, bediente sie sich reichlich aus Reich.

Ein Jahrzehnt nach seinem Tod 1957, in einer amerikanischen Gefängniszelle wegen Mißachtung des Gerichts, das ihn törichterweise wegen der Verleihung seiner „Orgon-Akkumulatoren“ genannten Holzkästen der Quacksalberei bezichtigt hatte, erlebte Wilhelm Reich ein kurzes, aber heftiges Comeback. Er, wie auf weniger Sexfreuden verheißende Art Erich Fromm und Herbert Marcuse, so schien es, hatte die Quadratur des Kreises geschafft: die Vermählung zweier Theorien, die beide einen hohen Glaubensbonus genossen, Marxismus und Psychoanalyse. (Daß die Multiplikation zweier bestenfalls halb richtiger Theorien nicht eine ganz richtige ergibt, hat sich bis heute nicht herumgesprochen.)

Jener jähen Reich-Renaissance wohnte eine gewisse Ironie inne. Als Reich die Sexuelle Revolution 1936 (unter dem Titel Die Sexualität im Kulturkampf) im dänischen Exil zum Druck befördern ließ, gehörte er schon nicht mehr zur Psychoanalyse (obwohl er vielen ihrer Spekulationen bis ans Ende treu blieb). 1934 hatte ihn die psychoanalyti- sche Kirche unter dunklen Umständen, aber wohl wegen Häresie ausgeschlossen: Er nahm Freud in einigen Punk- ten wörtlicher, als es diesem mittlerweile lieb war. Es wurde das Gerücht gestreut, Reich sei spätestens 1934 verrückt geworden, eine Diagnose, die Reichs Schriften keineswegs bestätigen — wohl wurde seine Art der Erkennt- nisgewinnung immer sektiererischer und kritikloser, aber ein Mindestmaß immanenter Logik unterschritt sie nie; weniger „verrückt“ war auch die Psychoanalyse selbst nicht. Desgleichen war er, schwer enttäuscht von der Sexu- alpolitik der Sowjetunion, Mitte der dreißiger Jahre gerade dabei, sich vom Marxismus zu lösen. Seine verschiede- nen Vorworte zum Buch dokumentieren den Abschied. Der amerikanischen Ausgabe von 1945 stellte er die inzwi- schen gewonnene Einsicht voran: „Autoritäre und freiheitliche Gesinnung [um die Beförderung letzterer ging es ihm nach wie vor] haben nichts mit den scharfen ökonomischen Klassengegensätzen zu tun … Den emotionellen, mystischen Erregungen der Menschenmassen muß eine zumindest gleich große, wenn nicht weit größere Bedeu- tung … zugeschrieben werden als den rein ökonomischen Interessen“ — eine antimarxistische Einsicht, die die marxistischen Teile des folgenden Buchs Lügen strafte.

Fickt euch frei! — dabei aber blieb er. Treffend nannte Enzensberger ihn („o kaputter Befreier”) den „Rosenkreu- zer des Ficks“. Gestehen wir es nur: Es machte damals schon Eindruck auf uns. Und das Betörende war gar nicht so sehr der immerhin lustversprechende Imperativ an sich, sondern der Umstand, daß so etwas wie eine Theorie hinter ihm stand und ihn wissenschaftlich zu decken schien, eine Theorie, die gar, nach Jahrtausenden des Irrtums und Unglücks, den Weg zum neuen, freien Menschen zu weisen behauptete.

Sie ist in Umrissen schnell nacherzählt. Ihr Kernsatz heißt: „Die Unterdrückung des kindlichen und jugendlichen Liebeslebens hat sich als der Kernmechanismus der Erzeugung von hörigen Untertanen und ökonomischer Skla- ven erwiesen.“ Wie das? Dem Menschen, nein, allem Lebendigen sei jener eine Grundtrieb zu eigen: die Sexuali- tät. Und seit etwa sechstausend Jahren lasse der Mensch ihr nicht mehr freie Bahn. Seine sexuelle Energie staue sich; und dieser Energiestau führe nicht nur zur sexuellen Unbefriedigtheit, sondern über sie hinaus zu schweren, endemisch gewordenen seelischen Schäden und Erkrankungen; auch alles antisoziale Verhalten gehe einzig auf ihn zurück. Freud wollte die ihm zufolge verdrängten Triebregungen ins Bewußtsein heben, damit sie sich beherr- schen ließen — wo „Es“ war, werde „Ich“. Reich zog den umgekehrten Schluß: ausleben, nicht erneut unterdrücken — nur dann würden sie ihre krank machenden Eigenschaften verlieren. Als Maßstab für sexuelle Erfüllung sah er die Fähigkeit, beim Koitus einen uneingeschränkten Orgasmus zu erleben und in diesem die aufgestaute Energie restlos zu verausgaben. Reich nannte es die „orgastische Potenz“. Nur wer sie erreiche, habe die Chance, ein rundum gesunder, glücklicher, geselliger Mensch zu werden, eine „genitale Persönlichkeit“.

Das Instrument der Sexualunterdrückung sei die Moral; Reich nannte sie gerne Zwangsmoral. Weitergegeben werde diese in der Familie; Reich nannte sie gerne Zwangsfamilie. In der Zwangsehe müßten zwei Eheleute mitei- nander ausharren, obwohl sie sexuell längst abgestumpft seien; ihre eigene sexuelle Frustration gäben sie an ihre Kinder weiter, indem sie ihnen vor allem strikt das Onanieren verböten. So reproduziere die Zwangsfamilie sich endlos neu. Das Onanieverbot bringe die Kinder um „Selbstsicherheit, Willensstärke, Kritikfähigkeit“, kurz, es erzeuge den Untertan, den autoritären Charakter, lustfeindlich, starr, nach oben gehorsam, nach unten herrisch, den demokratieunfähigen Massenmenschen. (Durch Onanie zur Demokratie! Aber wir, die wir beides haben, haben gut lachen.) Und da die Herrschenden den Untertan brauchten, blühe die Zwangsfamilie weiter, obwohl immer weniger zwingende ökonomische Gründe beständen, eine Ehe einzugehen und aufrechtzuerhalten. Die Zwangs- familie diene als „Untertanenfabrik“.

Es werde, so lautete Reichs Zuversicht, keineswegs das Chaos hereinbrechen, wenn diese Zwangsmoral fiele. Der Mensch nämlich, dessen Sexualität nicht mehr unterdrückt werde, brauche keine Moral, denn er werde von sich aus nichts mehr tun, was anderen schade — von der „moralischen Regulierung“ zur „Selbstregulierung“.
Daß diese Heilsbotschaft ihre Wissenschaftlichkeit so fälschlich im Schilde führte wie der Marxismus-Leninismus, war Mitte der sechziger Jahre nicht ohne weiteres zu erkennen. Die sexuelle Revolution gehörte aber niemals in die Sparte Wissenschaft. Sie war ein Pamphlet, und kein schlechtes: ziemlich temperamentvoll, zupackend, tapfer, auf ein alles in allem nicht unerfreuliches Ziel hin geschrieben, und als solches läßt sie sich auch heute durchaus noch goutieren. Nur wäre nicht mehr gut beraten, wer solchen Büchern noch Glauben schenkte. Der Lack ist ab. Es könnte heute jedem offenbar sein, daß auf die Reich’sche Theorie kein Verlaß ist; daß man auf die Art, wie Reich und viele seinesgleichen zu richtigen und damit auch wirksamen Erkenntnissen zu kommen glaubten, überhaupt nie etwas Richtiges in Erfahrung bringen kann.

Der Grundgestus der Wissenschaft ist ein ganz anderer. Ein Wissenschaftler sichtet, was zu seinem Gegenstand als gesichertes Wissen gelten kann. Er leitet daraus Hypothesen über das ab, was über sie hinausgeht, und erprobt diese in Versuchsanordnungen, deren ausdrücklicher Zweck darin besteht, ihnen die Chance zu geben, sich auch als falsch erweisen zu können.

Der Pamphletist psychoanalytischer oder marxistischer oder sonst einer Provenienz dagegen schaltet den Scheinwerfer eines ihm lieben Vorurteils ein, sucht die Szene damit nach ein paar Impressionen ab, die seine Ver- mutungen bestätigen, und denkt dann mit Akrobatik und Gewalt eine höchst persönliche Theorie herbei, deren alles erhellen wollende Meinungsstärke in eigentümlichem Gegensatz zu ihrer schmalen empirischen Basis und ihrer mangelhaften Erprobung steht.

Man hätte es an Reichs forschen Schlüssen immer merken können. Dann müsse der Mensch eben „umstrukturiert“ werden; dann müsse eben „die Gesellschaft“ die Kinder großziehen — Reich hatte Menschheitsfragen mit einem forschen Strich auf seinem Reißbrett gelöst, von denen inzwischen klar war, daß sie sich so und vielleicht über- haupt nicht lösen ließen. Zu Recht kritisierte er, daß die Hüter der Zwangsmoral die Schädlichkeit der Onanie im- mer nur behauptet, nie aber bewiesen hätten. Aber auf der Stelle verfiel er in den gleichen Fehler, wenn er behauptete, nicht die Sexualbefriedigung, sondern die Sexualaskese richte wüsten Schaden an — die gleiche forsche Meinung, nur mit dem entgegengesetzten Vorzeichen.

Kritisch hätte es auch damals den Leser schon machen können, wie locker, wie geradezu fahrlässig Reich (und nicht nur er) mit dem Begriff Neurose umging. Die Neurose war es ja, die ihn als Mediziner und Seelenarzt auf seine Theorie gebracht hatte. Er behauptete, ihre Ätiologie als einziger zu durchschauen (eben die Sexualunterdrü- ckung in der Zwangsfamilie, vor allem das Onanieverbot) und als einziger die Therapie zu wissen. Aber wie über- aus dünn und wackelig ist das, was er über sie zu sagen hat. Sexualunterdrückung führe zu „nervösen Störungen“ oder „Nervosität“ oder „Neurose“ (irgendwie scheint das alles das gleiche zu sein), manchmal gleich, manchmal später, bei dem einen stärker, bei dem anderen schwächer, im Grunde aber bei allen … — und man weiß nicht, was er nun meint, Panikattacken oder Waschzwang oder einen Kopfschmerz oder bloß eine momentane Unruhe. Vor zehn Jahren etwa hat die Psychiatrie „die Neurose“ abgeschafft; sie kennt nur noch einzelne neurotische Stö- rungen. Getilgt wurde der Oberbegriff, weil er sich als nutzlos und irreführend erwiesen hat — er täuschte eine einheitliche Störung einheitlicher Genese vor, die es sehr wahrscheinlich niemals gegeben hat.

Gibt es aber die Krankheit in dieser Form gar nicht, so rücken auch ihre Erklärungen und deren ausschweifende Verallgemeinerungen in ein schiefes Licht. Heute lohnt es kaum mehr, sich mit den Einzelheiten der Reich’schen Theorie zu befassen. Wo die Prämissen eindeutig falsch sind, werden auch die nachgeordneten Theoreme nicht oder nur hier und da durch Zufall stimmen.

Eindeutig falsch, tiefes 19. Jahrhundert aber war die energetische Fassung des ganzen Problems, für die nun seit Jahrzehnten das Spottwort „Psychohydraulik“ im Schwange ist. Jene Sexualenergie, die sich Freud zuerst wirklich als eine Art Bioelektrizität dachte und später zu einer eher geisterhaften Libido entmaterialisierte; die Reich da- gegen immer wörtlicher nahm und in seiner späten Phase schließlich als „Orgon“, als eine Art orgastische Ener- gieform bläulich um seine Heubläschenkulturen wabern und im ganzen Weltall flackern sah und in seinen „Akkumulator“ einzufangen meinte; die in Soma und Seele und Sozialkörper Schaden anrichte, nämlich „Neurosen“ bewirke, wenn ihre „Abfuhr“ verhindert wird und sie sich aufstaut — diese Reich’sche Privatenergie gibt es einfach nicht. Das Seelenorgan ist auf andere Weise eingerichtet, und alle Theorien, die implizit oder explizit auf ihr beruhen, sind schon im Ansatz müßig. Sie ist bestenfalls eine Metapher, wie alle Metaphern manchmal passend, manchmal weniger, aber keine Erklärung.

Reich war im Gegensatz zu vielen seiner Anhänger und Gegner wenigstens klar, daß man beides nicht verwech- seln darf. Er suchte eine Erklärung, keine Metapher, schrieb, da er sich von ihr nicht mehr trennen wollte oder konnte, der Metapher materielle Realität zu — und verrannte sich so in seine schimärischen „Orgon“-Forschungen, die ihn schließlich völlig isolierten und auf die Anklagebank brachten, ein tragischer, kein verächtlicher Fall. Die sexuelle Revolution hat stattgefunden. Jugendlichen wird — allgemein gesprochen — nicht mehr die Schäd- lichkeit des Onanierens eingeschärft. Sie schlafen auch vor der Ehe miteinander. „Homosexuell“ wurde fast zum Ehrentitel. Ehen sind scheidbar geworden, und in dem Maß, in dem die Zwangsehe schwand, sind die Beziehungen Erwachsener dem ähnlicher geworden, was Reich vorgeschwebt hatte: der zärtlichen Dauerbeziehung, die so lange dauert wie die sexuelle Lust aufeinander. Nicht Reich, gar keine Theorie hat den vorläufigen Sieg dieser Re- volution herbeigeführt. Es war ein breiter Strom, ermöglicht, herausgefordert durch einen grundlegenden sozialen und ökonomischen Umbau, besiegelt schließlich durch zwei Ereignisse: den Kinsey-Report, der die Menschen aus der Einsamkeit ihrer sexuellen Nöte erlöste, indem er ihnen nachwies, daß rein gar niemand mit seinen sexuellen Bedürfnissen allein ist; und dann durch die Entwicklung der oralen Kontrazeptiva, die Sexualität zumindest tendenziell folgenlos machten.

Dieses Experiment, das das Leben — auch auf Reichs Drängen hin — machte, hat aber seine weiter gehenden Spekulationen über die Entstehung des autoritären Charakters und der autoritären Gesellschaft falsifiziert. Der tiefe Charakterwandel, den die Theorie für die Zeit nach der Befreiung voraussagte, ist offensichtlich ausgeblieben. (Daß die Revolution vielleicht noch nicht vollständig war, daran klammerte sich zu Unrecht, wer die Theorie unbedingt retten möchte: Eine Dreiviertelrevolution hätte wenigstens einen Dreiviertelcharakterwandel ergeben müssen.) Wer heute behauptete, ungehinderter Geschlechtsverkehr von jung auf mache die Menschen gut, so gut, daß die Gesellschaft jeder Moral, jedes Zwanges entraten könnte, bekäme nur noch den Vogel gezeigt, und mit Recht.

Hat die Revolution die Menschen glücklich gemacht? Von Glück sollte man hier wohl nicht reden. Es ist kaum meßbar, und könnte man es messen, so stellte sich vielleicht heraus, daß die Leichtigkeit seiner Erfüllung es nicht vermehrt. Doch der lange, schwere Druck der Sexualverneinung immerhin ist von uns genommen, und das ist, wenn nicht schon das Glück, dann doch immerhin eine Menge. Auch wenn Reichs Theorie unwiderruflich passé ist: Dafür, daß er einer der wackeren Kämpen dieses Wandels war, schulden wir ihm nach wie vor Achtung. Dieter E. Zimmer / DIE ZEIT / Feuilleton, 1991 

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